Kanalnetz
Historie
Hausanschluss um 1900
Abwasserableitung und Abwasserreinigung gehören zu den eher ungeliebten Kehrseiten der Gesellschaft und erlangen oft erst dann Bedeutung, wenn es insbesondere zu hygienischen Problemen kommt. So ließen bis Ende des 19. Jahrhunderts die hygienischen Zustände auch in der Stadt Verden sehr zu wünschen übrig. Aborte mit defekten Gruben lagen bisweilen in unmittelbarer Nachbarschaft von Wasserentnahme- stellen. 1889 richtete der Regierungspräsident in Stade ein Schreiben an den Magistrat der Stadt und klagt darin:
„In der Stadt Verden sind bezüglich der Behandlung der unreinen Abgänge, der Beschaffenheit der Brunnen, der Ableitung der Schmutzwasser pp. verschiedene Uebelstände zutage getreten, welche in sanitärer Beziehung zu schwerwiegenden Bedenken Anlaß geben.“
Die Stadt wird darin aufgefordert, alle Missstände abzustellen. Der Magistrat ließ jedoch dazu feststellen, dass der Gesundheitszustand in der Stadt trotz der besagten Mängel sehr gut sei, denn reichlich Niederschläge und frische Winde ließen epidemische Krankheiten hier zur größten Seltenheiten werden. Darauf schritt die preußische Regierung ein. Es befassten sich gleich drei Minister mit der Reinhaltung der Stadt. Eine große Kommission aus Berlin reiste nach Verden und unterstützte den Regierungspräsidenten nach der Feststellung, dass nicht nur die Ableitung der häuslichen Abwässer oberirdisch erfolgt, sondern auch die gewerblichen Abwässer von einer Seifenfabrik, je zwei Färbereien und Brennereien sowie von den ca. 30 Schlachtern auf die Straße abgeleitet wurden. In einigen Fällen war es selbst einer abgehärteten Sanitätskommission aufgrund eindringender Düfte unmöglich, genaue Erhebungen anzustellen. Aus dieser Zeit stammt vermutlich auch der Begriff „Verner Gotenschieter“. Es folgten ultimative Forderungen und im November 1890 berichtete der Rat nach Berlin, dass der Bau einer Wasserleitung gehorsamst in Angriff genommen werde. Ebenso wurde der Bau eines Schlachthauses beschlossen. – Doch die Verbesserung der Abwasserbeseitigung erschien dem Rat weiterhin unnütz. Gegenüber der preußischen Regierung begründete der Magistrat, dass die Fäkalien nicht in den Kanal, sondern auf die Ländereien gehörten. Als jedoch für die neuen Kasernen an der Lindhooper Strasse und am Holzmarkt die notwendige Entwässerung geschaffen werden musste, begann die Stadt im September 1894 mit dem Kanalbau und schaffte Vorflut durch Mischwasserkanäle in Richtung Aller.
Aufbau
Schachtbauwerk um 1900
Es wurden ein südliches, ein nördliches sowie ein mittleres und ein viertes Kanalsystem angelegt. Über diese vier Einleitungs- stellen wurde Schmutz- und Regenwasser direkt in die Aller abgeleitet. Das sind die heute noch als Mischwasser–Notüberläufe dienenden Einleitstellen am Bollwerk (Mühlentor), und Blumenwisch sowie die der Regenwassereinleitung dienenden Auslaufbauwerke an der Strukturstraße, der Allerstraße und in Nähe der Südbrücke. Weitere Einleitstellen für Regenwasser aus Trennkanälen sind im Laufe der Zeit hinzugekommen.
Die vor ca. 100 Jahren verlegten Steinzeugrohre sind im Altstadtbereich in zahlreichen Straßenabschnitten noch heute im Einsatz, insbesondere dort, wo in den letzten Jahrzehnten weder Gas- noch Wasserleitungen und auch keine Straßenoberflächen saniert wurden.
Im Zuge der Kanalverlegung wurden die Fäkalsammelgruben im Stadtgebiet aufgegeben. Nach 1900 entstehende Siedlungen am Stadtrand wurden überwiegend gleich mit einem Mischwasserkanal "ausgestattet“. Absetz- und Sickergruben blieben aber in den umliegenden Ortschaften bis in die 60er Jahre hinein Stand der Schmutzwasserbeseitigung, zumal die Boden- und Grundwasserverhältnisse rechts der Aller eine dezentrale Abwasserbeseitigung problemlos zuließen. Bei der vorhandenen dichten Bebauung und teilweisen Lage in Wassergewinnungsgebieten entschied man sich in Verden jedoch dafür, die Ortschaften nach und nach alle durch eine Kanalisation zu erschließen.